Posts mit dem Label Schläge werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Schläge werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Seite 22

- Ich bitte, mich nicht zu unterbrechen, wenn ich versuche, die Verhandlung hier so zu leiten, daß wir wirklich auch mit der Zeit hinkommen. Ich habe volles Verständnis dafür, daß Sie umfangreich berichten wollen. Aber wir können unmöglich hier eine vollständige Beweisaufnahme durchführen. Würden Sie bitte versuchen, Herr Baar, das, was Sie noch vorzutragen haben, möglichst konzentriert vorzutragen.

Baar: Ich versuche es.

Ich erlebte mit, wie meine eigene Tochter, die zu der damaligen Zeit 28 Jahre alt war , als ich gerade durch ging, zu Herrn Schäfer gerufen wurde, und ohne daß ein Wort fiel, fing Herr Schäfer an, in gröbster Form mit Fäusten auf sie einzuschlagen. Er schlug sie ins Gesicht, und es war ihm egal, wo er hintraf. Sie fiel zu Boden. Er trat sie mit Füßen. Als sie wieder hochkam, schlug er weiter ein, bis sie in eine andere Ecke fiel. Dann schrie er hinterher: Raus, du Mistvieh! Ich stand da als Vater und sah das alles. Ich wurde gefragt: Warum bist du ihr nicht zu Hilfe gekommen? Oder: Was hast du ihm gesagt, oder was hat er dir gesagt? Er hält es gar nicht für nötig, dann dem Vater oder der Mutter auch nur ein einziges Wort der Erklärung zu geben.

Ich erlebte vor allem den schrecklichen Fall von Peter Rahl mit, den ich hier unter allen Umständen doch schildern möchte, weil es einer der grausamsten Fälle ist. Dr. Hopp hat diesen Fall bis ins einzelne miterlebt. Er hat, bevor der Junge gerufen wurde, noch eine kleine Einleitung gemacht, und zwar daß es sich bei Peter um einen erkrankten Mann handele. Dann wurde er vom Krankenhaus geholt,und als er einige Fragen gestellt bekam, ging es los unter dem Motto: Du lügst! Er hatte irgendeine Äußerung gemacht, und das ganze Drama der Schlägerei begann in fürchterlichster Weise, wie ich es nie vorher miterlebt hatte. Alle schlugen drauf. Bis auf einige wenige Herren von den Älteren, die - sitzenblieben, stand die ganze Gruppe um ihn herum. Wer ihn gerade dazwischen- bekam, schlug ihn, ob ins Gesicht, ob aufs Kreuz, wohin auch

Seite 23

immer. Er stürzte; er blutete. Schließlich hat man ihn dann hochgezerrt, ins Bad geführt, mit kaltem Wasser ein bißchen abgewaschen und versucht, die Blutspuren wegzuwischen.- Soviel dazu.

Einen Fall im Zusammenhang mit einer Heirat: Eine etwa 4ojährige hatte eine Freundschaft nur durch Gespräche begonnen. Sie wurde zusammen mit ihrer Mutter und noch zwei anderen Damen in das sogenannte Konferenzzimmer gerufen. Nach einem kurzen Wortwechsel schlug Schäfer ihr in Gegenwart ihrer Mutter - auch ich stand dort und ebenfalls Herr Schmidt -links und rechts ins Gesicht. Sie wurde nachher in ihr Zimmer weggebracht.

In diesem Zusammenhang möchte ich einen Satz wiedergeben, der mir unvergessen bleibt. Ich brachte sie dann in dem Wagen zu der Stelle, wo ihr Fahrrad stand. Sie saß im Wagen und weinte. Nur wir beide waren im Wagen. Dann guckte sie zu mir herüber und schrie mich an: Du bist schuld daran, daß ich hier bin. Diese Tatsache, dieser Ausspruch steht für mich für viele, viele andere. Deshalb habe ich auch in meinem persönlichen Wort vorhin darauf hingewiesen.

Ich kürze. Man kann die gesamte Verhaltensweise überhaupt nicht verstehen, wenn man nicht das Stichwort ,Beichte“ mit berücksichtigt, d. h. daß die einzelnen alles aussprechen. Das hat nichts mehr mit Beichte im christlichen Sinne zu tun, denn es geht bis in die Gedankenwelt hinein. Niemand darf etwas haben, was geheim ist. Auf der einen Seite soll jeder alles aussprechen, und spricht jeder alles aus, wird er dadurch schon verwirrt, weil er manchmal nicht mehr weiß, was er noch sagen soll, und klagt sich dabei selbst an. Es gibt keine Heimlichkeiten. Auf der anderen Seite darf man untereinander, d. h. Eltern mit den Kindern oder auch die Arbeitskollegen, über nichts reden, was sich im

- Fundo abspielt, auch wenn es Bagatellen sind, so daß auch die Eheleute nur in gewissem Sinne miteinander reden können, aber nicht über persönliche Probleme; denn das könnte schon wieder zu Konsequenzen führen, weil die zweite These von Schäfer heißt: Wer redet, ist schuldig; wer hört, ist aber noch mehr schuldig. Also wenn ich jetzt meiner Frau etwas

Seite 36

Seit Jahren sind der Galpon - das Empfangshaus, das ist für Sie verständlicher - und der Wächter 1 Tag und Nacht besetzt. Alle Beobachtungen - Annäherungen von Menschen, Fahrzeugen, Reitern und Geräusche -, die im Umkreis von Kilometern gemacht werden, müssen Herrn Schäfer unverzüglich in jeder Position gemeldet werden über Funk, Telefon, Tonband.

Die Begründung Herrn Schäfers für dieses System ist, das Eindringen von Kommunisten zu verhindern, wobei unverständlich bleibt, daß auch noch im Fundo, wo schon niemand mehr hereinkommt, signalisierende Lichtschranken, Mikrophone und Stolperdrähte sind.

1970 ging Herr Hartmut Hopp - das war im ersten Jahr nach meiner Ankunft dort innerhalb des Fundos spazieren in Richtung Fasanengarten, der etwas abseits liegt. Herr Schäfer kam zu mir ins Neukra. Der Mercedes hielt; er sprang heraus, hat mit dem Fernglas vom Fenster aus Herrn Hopp beobachtet und über Funk zwei seiner Wächter mit einem Schäferhund nachgeschickt, die ihn dann, ohne gesehen zu werden, beobachten sollten - zeitweise in Bauchlage -, die die Sache ganz ernst nahmen und machten. Das war meine erste Begegnung mit diesem System. Ich wußte damals aber noch nicht, daß Herr Hopp schon geflüchtet und von Argentinien zurückgekehrt war und deswegen immer unter Bewachung war.

1970 war es auch, als Ulrike Mysliwitz - ich schätze, damals etwa 20 Jahre alt - in voller Schweinestallarbeitsausrüstung mit Gummistiefeln in der Winterzeit durch den Fluß nach Travoncura geschwommen ist und dann von dort weiter nach Parral zu Dr. Mujica, einem chilenischen Arzt, der sie dann in seinem Mercedes-Pkw zum Fundo nach Dignidad zurückbrachte. Sie wurde dann im Neukra abgeliefert, in dem ich in der Zeit allein Dienst tat. Weil sie durch die Kälte gegangen war - man befürchtete, sie würde krank werden -, bekam sie dann ein warmes Bad verordnet. Ich mußte ihr dann einen heißen Tee kochen. Ich sah, daß sie voll blauer Striemen auf dem Rücken, an den Oberschenkeln und auf dem Gesäß war. Sie weinte bitterlich, innerlich und äußerlich

Seite 38

Schäfer. Er hat ein Sondervokabular, das wert wäre, einmal gehört zu werden. Im Türrahmen stehend sah ich, von der anderen Seite des Flurs kommend, wie er Renate Schnellenkamp -ein zartes Mädchen von etwa 10 bis 12 Jahren-mit den Händen immer ins Gesicht schlug, immer und immer und immer. Was da durch meine Seele ging! Was ich gesehen habe! Aber ich konnte nicht helfen. Dem Kind spritzte das Blut aus der Nase. Schäfer schlug unbarmherzig zu. Ich bin still verschwunden. Hätte ich meine Tränen gezeigt-- Das ist nicht angebracht.

Ich selber habe gelitten, nachdem wir - mein Mann und ich - sieben Jahren getrennt waren. Mir wurde gesagt, als mein Mann nach Chile ging, drei Monate später solle ich nachfliegen. Ich hatte dann noch eine schwerere Operation und vom Arzt die Empfehlung, doch dann nach einigen Monaten zu meinem Mann zu fliegen. Herr Baar hat das nach Chile schriftlich mitgeteilt, blieb aber ohne Antwort. Es durfte nur der nachkommen, der von Schäfer angefordert wurde. Wir hatten über uns, über unser Leben nicht zu bestimmen. Als ich dann nach all den Jahren nach Chile kam, lebten wir noch elf Jahre getrennt unter Umständen, die ich dann einfach nicht mehr ertragen habe. Ich bin 1980 geflohen.

Auf Grund meiner Kenntnis der Sicherheitsanlagen habe ich es geschafft herauszukommen. Herr Schäfer hatte Gebetskreise eingerichtet, die eigentlich die Verlängerung seiner Beichte sind - denn was der Mensch vor Gott sagt, das hat er, hinter der Tür stehend, ausgewertet. Ich habe ihn selber gesehen. Ich bin dann nicht zu diesem bestimmten Kreis, den Herr Schäfer eingeführt und angeordnet hatte, gegangen, sondern bin geflohen. Zum Teil bin ich ohne Schuhe gelaufen; denn es gibt an verschiedenen Stellen Rollkies. Ich wußte, wo die Mikrophone sind; ich wußte, wo die St-Drähte herlaufen. Ich hatte vier, fünf St-Drähte zu durchlaufen. Ich bin zuletzt unter dem Stacheldraht in Bauchlage mit meiner Tasche durch und habe mich so gestellt - wiederum der Platz, den ich kannte -, daß der W 1 keine Einsicht hatte, und bin dann mit einem chilenischen Fahrer gefahren, der mich